REDAKTION — Herr Ambach, Ihr Roman spielt fast vollständig in einem Zoo. Wie kommt ein Buch über Selbstbestimmung ausgerechnet dorthin?
REDAKTION — Warum ein Roman und kein Sachbuch? Sie hätten das Thema auch direkt erklären können.
Weil mich Geschichten mein Leben lang stärker verändert haben als Fakten. Ich habe viele Sachbücher gelesen und unzählige kluge Ratschläge gehört. Manche waren fachlich richtig und trotzdem wirkungslos. Eine gute Geschichte macht etwas anderes. Sie lässt uns Erfahrungen machen, ohne sie selbst erleben zu müssen. Als Leser begleite ich eine Figur, scheitere mit ihr, zweifle mit ihr und lerne mit ihr. Genau das wollte ich schaffen. Nicht Wissen vermitteln, sondern Erkenntnis ermöglichen.
REDAKTION — Im Zentrum stehen Maria und David. Wofür stehen die beiden?
Für zwei Lebensphasen, die viele Menschen kennen. David nimmt die Welt zunächst so an, wie sie ihm präsentiert wird. Meinungen, Erwartungen, vermeintliche Wahrheiten. Maria beginnt zu hinterfragen. Sie stellt Fragen, wo andere Antworten suchen. Beide Figuren tragen etwas von mir in sich. David erinnert an meine früheren Jahre, Maria an viele Erkenntnisse, die erst durch Erfahrungen entstanden sind. Deshalb sind sie weder richtig noch falsch. Sie stehen für Entwicklung.
REDAKTION — Wie stark hat Ihre eigene Vergangenheit die Entwicklung der Figuren beeinflusst?
Mehr, als viele Leser vermutlich vermuten. Als junger Mensch habe ich selbst oft geglaubt, die richtigen Entscheidungen zu treffen, bis ich feststellen musste, dass ich häufig den Vorstellungen anderer gefolgt war. Gerade bei finanziellen Themen hat mich das einiges an Geld, Zeit und Lehrgeld gekostet. David trägt viel von dieser frühen Suche nach Orientierung in sich. Maria hingegen verkörpert den Moment, in dem man beginnt, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen. Natürlich sind beide Figuren eigenständig. Aber ihre Fragen, Zweifel und Entwicklung sind mir persönlich sehr vertraut.
REDAKTION — Der Untertitel spricht vom „genauen Sehen“. Was bedeutet Sehen für Sie?
Für mich bedeutet Sehen, den Unterschied zu erkennen zwischen dem, was ist, und dem, was uns darüber erzählt wird. Viele meiner eigenen Fehlentscheidungen entstanden nicht aus Unwissenheit, sondern weil ich anderen Urteilen mehr vertraute als meinem eigenen. Im Nachhinein war das eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens. Sehen heißt für mich, den eigenen Blick zurückzugewinnen.
REDAKTION — Ein Satz taucht immer wieder auf: „Rahmen vor Reaktion.“ Was bedeutet er?
Wir reagieren nie direkt auf die Welt. Wir reagieren auf unsere Interpretation der Welt. Zwischen dem Ereignis und unserer Antwort liegt immer ein Rahmen aus Erfahrungen, Gewohnheiten, Ängsten und Überzeugungen. Die meisten Menschen bemerken diesen Rahmen nicht. Wer ihn erkennt, gewinnt Handlungsspielraum zurück. Das ist für mich eine Form von Freiheit.
REDAKTION — Sie spielen im Buch mit dem Begriff des Helden. Wer ist hier der Held?
Wahrscheinlich nicht der Held, den man erwartet. Mich interessieren keine Menschen, die die Welt retten. Mich interessieren Menschen, die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Der Mut, eine unbequeme Wahrheit anzuerkennen oder eine Entscheidung selbst zu tragen, wird oft unterschätzt. Dieser leise Mut fasziniert mich weit mehr als jede Heldengeschichte.
REDAKTION — Es gibt eine fremde Stimme im Buch, einen Unbekannten, der Maria begleitet. Ohne zu viel zu verraten: Welche Rolle spielt er?
Er tut etwas, das heute selten geworden ist. Er verkauft keine Antworten. Er stellt Fragen. Auf meinem eigenen Weg waren die wertvollsten Menschen nicht die, die mir sagten, was ich denken soll, sondern die, die mich dazu gebracht haben, selbst nachzudenken. Mehr möchte ich nicht verraten. Nur so viel: Ein guter Begleiter macht sich irgendwann überflüssig.
REDAKTION — Der Titel lautet Unbeeinflusst Reich. Wie kann Unbeeinflussbarkeit Ihrer Meinung nach zu Reichtum führen?
Auf zwei Arten. Die erste ist sehr praktisch. Immer wenn sich jemand große Mühe gibt, unser Denken oder Handeln zu beeinflussen, verfolgt er in der Regel ein eigenes Interesse. Das muss nicht böse gemeint sein, aber häufig entsteht daraus ein Vorteil für den einen und ein Nachteil für den anderen. Gerade bei Geldanlagen, Versicherungen oder Konsumentscheidungen kann mangelnde Unabhängigkeit schnell sehr teuer werden. Wer lernt, selbst zu denken und kritisch zu hinterfragen, behält oft mehr von dem, was er sich erarbeitet hat.
Der zweite Aspekt geht tiefer. Für mich bedeutet Reichtum nicht nur Vermögen auf dem Konto. Wirklicher Reichtum entsteht, wenn man unabhängig von fremden Erwartungen, Meinungen und äußeren Zwängen Entscheidungen treffen kann, die zu den eigenen Werten passen. Deshalb lautet eine der zentralen Botschaften des Buches: Wahre Freiheit beginnt nicht auf dem Konto, sondern im Kopf. Dort entsteht die Haltung, die uns wirklich unabhängig macht.
REDAKTION — Was soll ein Leser mitnehmen, wenn er das Buch zuklappt?
Idealerweise zwei Dinge. Zum einen die Erinnerung an eine gute Geschichte. Zum anderen das Gefühl, dass mehr Einfluss auf das eigene Leben möglich ist, als man vielleicht gedacht hat. Wenn ein Leser künftig einmal innehält, bevor er einer Meinung, einer Empfehlung oder einer Gewohnheit folgt, dann hat das Buch seinen Zweck erfüllt. Ich möchte niemanden überzeugen. Ich möchte Menschen ermutigen, selbst zu denken.